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Die
Bilder von Wolfgang Helmrath erinnern an Landschaften.
Es sind nicht solche, die man gern aufsucht, um die paradie-
sischen Wonnen zu empfangen, sie zählen eher zu jenen, in
denen man Einsamkeit, Verlassenheit und die chthonische
Ambivalenz von Chaos und Zerstörung, vom Werden und von
der Veränderung erlebt. Es sind Landschaften wie Orte, die den
Menschen in seinen Empfindungen herausfordern.
Die eigenen Gedanken ergreifen von einem manifesten Besitz,
man spürt sich als Teil eines großen allumfassenden Zusam-
menhangs. In den heiligen Schriften sind die Wüsteneien und
einsamen Klausen die Proben für die Kraft des Geistes und die
Bezähmung der körperlichen Begierden. In den spröden,
krudigen und kargen Strukturen von Helmrath leben ebenfalls
Herausforderungen, die mehr sein können als nur Kunstgenuß.
Dramatisch herabstürzende Gebirgsbäche scheinen sichtbar zu
werden, höhlenartige Einbuchtungen und, ganz in der Tiefe des
Bildes, romantisch verklärte Lichtdurchbrüche. Hier beginnt
sich
die Materie aufzulösen in einen Lichtraum, dort ballen sich Farben
zu reliefartigen Verästelungen, die aus einem Bild heraustreten.
Sie wuchern über die Fläche, verhüllen den Bildeinstieg,
wurzeln
in die Tiefe hinein oder aus der Fläche heraus. Dem entgegen
steht die jäh aufbrechende starke Raumwirkung mit eben jenen
Lichtdurchbrüchen. Sie versprechen dem Betrachter einen Ort
der immateriellen Aufhebung von Materie und Geist zu einem
transzendenten Eins. Das Licht erscheint weich und warm, ein
anderes Mal heiß und aggressiv. Es bildet immer einen magisch-
en Sog voller verlockender Anziehung samt ihrer vereinnahmenden
Konsequenz. Dorthin zu gelangen bedeutet die Überwindung von
Hindernissen. Helmrath legt sie förmlich übers Bild, indem er
für
die Oberfläche Kordel, Textilien und pastose Malmittel benutzt.
Während des Malprozesses ist die informelle Geste und das
zum Teil körperlich herausfordernde Eindringen in den Bildraum
ein wesentlicher Aspekt. Hinzu kommt eine sensible und sen-
suelle Balance in der Ausformung von zufällig entstandenen
Strukturen. Das Element des spontanen "Aus sich Herausmalens"
gerät nach und nach in den Hintergrund. Das Bild wird gebaut,
ein Oben und Unten, Akzentuierungen von Kalt und Warm, Leicht
und Schwer kommen hinzu. Es entstehen Bilder mit einem medi-
tativen Grundton. Der Schlüssel zum Einstieg liegt hier eher in
dem behutsamen Hineinsehen als in einem einmaligen Erfassen
eines aus der Action Painting herausgeworfenen Farbstrudels.
Das Sehen seiner Bilder kann so zum Abenteuer werden. Das,
was gefunden wird, entspricht nicht dem , was man sucht, und
das was man sucht, scheint sich eher zu verflüchtigen, als daß
es greifbar wird. Man bewegt sich mehr in die eigenen Tiefen des
Unbewußten und reflektiert innere "Landschaften" mit denen
da
draußen. Helmrath´ s Bilder arbeiten bewußt mit den
geomorphen
Strukturen, deren Auslöser jedoch eher von den persönlichen
kar-
gen und sich dramatisch zeigenden Orten herrühren. Der Begriff
der Seelenlandschaft scheint hier angemessen zu sein.
Helmrath´s
Weg dorthin führte über die Phase surrealer Ausdeut-
ungen von Gegeständlichkeit in der Mitte der achziger Jahre zu
einer Malerei, die er mit dem Begriff vom "realistischen Bild"
be-
schreibt. In zurückhaltender braun- und grautoniger Farbigkeit wer-
den in fotorealistischer Manier Gesichter und silhouettenhafte
Menschenbilder gegeneinander gesetzt. Ein bitteres Gefühl einer
unverschuldeten Einsamkeit unter den Menschen prägte die Szen-
erien. Parallel dazu entstanden Industrielandschaften. In ihnen
waren an einigen Stellen schon sich eigenständig herauslösende
Farb- und Lichtwerte zu erkennen. Sie als direkte Vorläufer der jetz-
igen Bilder zu bezeichnen wäre vielleicht nicht ganz richtig. Jedoch
ist hier deutlich ein beginnender Umschlag von Landschaften des
Draußen in jene des Drinnen zu erkennen. Ende der achziger Jahre
nahmen seine Bilder immer stärker den Ausdruck einer "Ungegen-
ständlichkeit" an. Die Entwicklung zu seinem jetzigen Stil hin
verlief
dann innerhalb kurzer Zeit. Seine Farbigkeit beschränkt sich häufig
auf erdige Töne des Schwarz, Ocker, Braun und einem nicht selten
gleißenden Weiß. Diese Farben stehen für die chthonischen
Kräfte.
Als Gegenpol dessen finden Blau, Gelb und Weiß Eingang in die
Bilder, die mehr im geistigen Bereich einer Entmaterialisierung der
Dinge angesiedelt sind.
Die
Objekte aus Jute, Farbe und Eisengerüsten wirken wie verräum-
lichte Bildstrukturen. Sie leben ganz aus der haptisch zu erfahrenden
Spannung von Vergänglichkeit und der ihr eigenen ästhetischen
Aus-
strahlung. Die Zeit scheint stillzustehen, und der Augenblick ist ver-
ewigt in den dünnhäutigen biomorphen Stelen und Gebilden.
Den
Menschen im Niederrheinischen sagt man gern eine gewisse
Schwerblütigkeit nach. Würde dies stimmen, wäre die Hinwendung
zu
den elementaren und existentiellen Themen Wolfgang Helmraths
nicht verwunderlich. Anregungen, die weit über territoriale Mentalität
hinausgehen, wären weiterhin zu finden in der Arte Povera
und der
deutschen abstrakten Nachkriegsmalerei.
Unweit
von Krefeld, in Hagen, gründeten 1948 einige junge Maler,
unter ihnen der heute als Grandseigneur der informellen Malerei
hoch geachtete Emil Schumacher, die Künstlergruppe "junger
Westen". Ihre schöpferische Verarbeitung des amerikanischen
ab-
strakten Expressionissmus mündete bei ihnen in Bilder voller exis-
tentieller Ahnung und Tiefe. Heute stellt ihre Kunst einen wesentli-
chen Markstein in der westdeutschen Kunstgeschichte dar. Sie gab
einen Teil der jüngeren Generation zu Beginn der achziger Jahre Moti-
vation und Legitimation bei dem stetig sich steigernden Hunger nach
Bildern. Tendierten die einen zur heftigen Figuration, nahmen die
anderen Impulse der Generation auf, die sich in den fünfziger Jahren
von der Sichtbarkeit des Draußen zum Sichtbarmachen des Drinnen
für das Draußen entschieden.
Helmrath,
geboren 1954, wird von diesem Strom gespeist und fand
dann seinen eigenen Weg. Er verleugnet nicht das Woher, aber sein
Wohin bleibt so abenteuerlich wie das Erkunden seiner Welten.
Armin
Hauer
zur Ausstellung Museum Frankfurt an der Oder 1992
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