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Farbe
Viel Farbe zählt wohl zu den ersten Eindrücken, die wir von
diesen Arbeiten Wolfgang Helmraths haben. Leuchtende
Farbe, flirrende Farbe, prägnante Farbe, bewegende, irritie-
rende, expressive Farbe.
Vielfarbigkeit ? Eigentlich nicht, es ist kein kunterbunt der
Farben auszumachen. In all der Farbfreude bleibt auch
Disziplin engagiert, eine geordnete Begeisterung für Farbe.
Farbmassen, die unverdünnt aufgetragen, in Schichten über-
einandergelegt, oft mit Spachteln verteilt werden - solange
und sooft bis Farbdichte und Farbintensität das Auge fesseln.
Farbflächen, Farbflecken, Farbinseln, Farbschlieren - der
Bildraum wird von hinten nach vorn mir Farbe gefüllt, auf ein
Augenmerk des Betrachters zu, ein sinnliches Wahrnehmen.
Farbe als kompositorisches Mittel bestimmt diese zuletzt ent-
standenen Arbeiten, die expressiv und lyrisch und gestisch
sind, und die in ihrer Abstraktheit doch einem vertrauten Motiv
folgen: das Motiv heißt Natur, Landschaft.
Ein
Mohnfeld in endloser Breite, ein Getreidefeld mit reflek-
tierten Sonnenlicht- Kugeln - Panoramabilder, Landschaften
in extremem Format, wie wir sie kennen von den touristisch
motivierten Blickpunkten "Schöne Aussicht".
Größtmögliche Distanz, größtmöglicher
Überblick, reduzier-
teste Differenzierung, der Betrachter erliegt der Faszination
landschaftlicher Weite- ein humorig- ironischer Unterton darf
hier und andernorts in Wolfgang Helmraths Bildern mitge-
lesen werden. In den Panoramabildern wird die sich verlie-
rende landschaftliche Weite in Breite übersetzt, die Idee des
horizontalen wird weiter isoliert, bleibt aber weltlich. Der Maler
Wolfgang Helmrath ist nicht an der abstrakten Idee "Horizontale"
interessiert, sondern an ihrer Wirklichkeit, ihren Erscheinungs-
formen. Raps und gepflügte Erde und ein angelegter Weg,
Wiesenschaumkraut, eine Straße, ein Weizenfeld, ein Him-
melsstück- eine Landschaft streckt sich zum Himmel. Wäh-
rend die Horizontale in die Panoramabilder integriert scheint,
erscheint sie in diesen geschichteten Landschaften exponiert.
Schicht für Schicht ein Horizont, so als würde sich der Blick
erst
allmählich in die Tiefe des realen Raumes vortasten und so er-
kennen, daß es keinen letzten Horizont gibt. Keine Landschafts-
ordnende Perspektive, wie wir sie für unsere Bewegungen be-
nötigen, sondern eine additive Erschließung des Raumes
durch ein ruhendes Auge.
Statt einer Zentralperspektive, wie in Vorimpressionistischen
Landschaftsbildern, die als geistigen Habitus ein "ich durch-
schaue es" in sich trägt, hier eine Bündelung von Seherfahr-
ungen, eine Summe von Farbwahrnehmungen des Auges.
Hier wird kein Wissen, sondern ein Schauen malerisch ver-
arbeitet. Das Vertikale, das als Idee für den Menschen steht,
ergibt sich als addierte Erfahrung, deren Ausgang ein ruhendes
Auge ist, das so zum Angelpunkt wird: "fort von meinen Füßen"-
also in den Raum hinein- kann zugleich vorwärts als auch ab-
wärts bedeuten. Räumliche Tiefe kann Abfolge von horizontal-
geschichteten Ackerflächen oder Sedimenten sein. Weit und
tief fallen in eins, Vorwärts und Abwärts werden zugleich auf
ihrer Hypothenuse als Projektionsfläche abgebildet. So wie es
ein äußeres Motiv "Landschaft" gibt, so ergibt sich
aus diesem
Blickpunkt auch ein analoges inneres Motiv., ein Impuls, der
das nach- außen- gewandte Auge mit dem nach- innen- schau-
enden verknüpft. Die innere "Landschaft" aus Empfindung,
Ge-
fühl, Stimmung zeigt sich in diesen geschichteten Bildflächen
gleichzeitig und gleichwertig.
Abstrakte
Bilder kann man nicht übersetzen, kann ihren "Sinn"
nicht in Worten wiedergeben. Insofern sind diese Bilder nicht
das, was ich über sie gesagt habe, sondern nur sie selbst, frei
von der Aufgabe der Darstellung, eigenständige Objekte un-
serer Wirklichkeit, die einer ständig neuen Interpretation harren.
Wohl aber kann man sie lesen als Teil einer Geschichte, einge-
bunden in die Entwicklung der Malerei. Die "Geschichte"
Wolfgang Helmrath verfolge ich seit fünfzehn Jahren, und weiß,
daß die jeweiligen Fortschritte aus den vorangegangenen ent-
wickelt werden, nicht wissenschaftlich, nicht einer theoretischen
Route folgend, wohl intellektuell unterstützt durch die Ausein-
andersetzung mit der Maler- Geschichte, vornehmlich geprägt
vom sehenden Auge, das seinen Focus wechselt. Nah- Fern,
Teil- Ganzes, Ausschnitt- Überblick.
In
Blumenbildern als Nahaufnahmen wird durch den gewählten
Ausschnitt die sinnliche Begeisterung für die Schönheit der
na-
türlichen Form bezeugt und in abstrakte Bildkompositionen
übertragen, zugleich malerisch aufgeladen mit subjektiven In-
halten: ein Klatschmohn scheint zu trauern ob seiner Vergäng-
lichkeit, eine einzelne Hortensienblüte, die wie eine Schiffs-
schraube im Blütenmeer erscheint, aufrechte Tulpen, deren
Köpfe sich zuneigen. In diesen Nahaufnahmen bleibt die reale
Form intakt, die Malerei umspielt sie aber mit lyrischen Tönen
und rückt das Bild damit in eine innere Nähe, näher zu
den
Empfindungen und zu der Frage, wie läßt sich Kitsch ummalen
?
Weniger
tief in den Raum focussiert, in einer Art Halbdistanz zur
natürlichen Erscheinung, sind die überbordenden Landschaften
mit groben und feinen Farbflecken, vieltönigem Farbraum, ein-
zelnen Vertikalen, Bögen, Schlingen, Streifen. Eine schier uner-
schöpfliche Form- und Farbvielfalt, die über jeden möglichen
Rand hinausdrängt und sich nur durch eine horizontale Rhyth-
mik als "Nah- Erlebnis- Landschaft" zu erkennen gibt.
Impuls- Geber für diese Art Landschaften sind in unserer Alltags-
welt unzählbar viele vorhanden, vom Stilleben über einen Wohn-
raum zu einer Gartenecke oder einem Landschaftsausschnitt
- die Größe der Vorlage ist unwichtig, die Gewichtungen im
Raum
sind entscheidend für die Bildkomposition. Selbstverständlich
läßt sich jedes Bild auch als Vorlage für eine Wirklichkeit
lesen,
ist also Teil eines Spiels, das "Welt" erst noch entwickelt.
Dem Focus dieser Landschaften folgt jener der Schichtungen,
diesem der des Panoramas und darauf gibt es einen Wechsel in
weite Ferne.
Auf
kleinen Rundlingen, Tellern, wird die Horizontale halb zeich-
nerisch, halb malerisch erprobt. Wie Bilder ferner Planeten oder
Monde
erscheinen diese zur Fläche geronnenen Hohlkörper,
oder wie Weihnachtskugeln mit ihren Lichtreflexen- aber ganz
gleich, ob groß oder klein, zur "Kugel" werden diese Bilder
erst
durch die Horizontale, den Äquator.
Diese aus der Ferne ersonnenen Kugeln, die sich außerhalb
der uns vertrauten Dimensionen von Raum und Zeit zu befinden
scheinen, verknüpft Wolfgang Helmrath mit sehr realen Mohn-
blütenkapseln und einer schon vor vielen Jahren entwickelten Idee
des Zeltes als fragiler Schutzraum und kommt so zu einer ab-
strakten Form der Samenkapsel.
In der Installation "Der Samen des Lebens" hat er 55 Samen-
kapseln an einem Lattengestell aufgehängt, damit sie dort für
eine unbestimmte Zeit der Reife verweilen. In diesen Kapseln
oder Zelten reift behütet heran, was für den Maler Wolfgang
Helm-
rath lebenswichtig ist: jene Seh- Sensation, die wir Natur nennen,
der Samen jener Farben, die uns Welt erscheinen lassen und
die dem Maler Mittel sind für seine Teilnahme und seine Anteilnah-
me. Und natürlich werden sich die Kapseln ausgereift eröffnen.
Dieser
kleine kosmologische Raum, der auch eine Landschaft
im Extrem ist, führt zugleich die Dimension der Zeit zurück
in
den Kontext der Landschaft: das Verweilen bis zur Reife, die mit
der Reife verbundene Wiederkehr, die kosmologische Anspielung,
in der ein Raum ohne Zeit nicht vorstellbar ist. Während die
anderen Landschaften auf Zeit verzichten, weil es unendlich viele
von ihnen gibt, die unserer Augen Blicke auf sich lenken, zeigt
diese gerade die Augenblicklichkeit unseres Darin- Seins.
In kleinen, meist schwarz- weiß- Bildern thematisiert Helmrath
die begrenzte Zeit, die Vergänglichkeit: Blüten und Kraftwerke,
Uhren und Sportwagen, akribisch gemalt, als sollte die Zeit zum
Stillstand gebracht werden, zeigen sie die Kehrseiten unserer
Lebenswirklichkeit, bedrohlich, riskant, eingespannt in Zeit. Sie
gehören als Gegenpol in den Zusammenhang der Landschaften,
ergänzen diese, ohne integriert werden zu können. Manchmal
bindet Wolfgang Helmrath diesen anderen, persönlichen Zeit-
raum Andeutungsweise in die großen, zeitlosen Landschaften
mit ein: mit jener bedeutungslosen, nicht inhaltlich gestalteten
Schrift fügt er eine abstrakte Zeit in den Landschaftsraum.
Nicht mehr wie die Impressionisten in Form der Tages- oder
Jahreszeit, sondern abgeklärter, abstrakter.
Schließlich:
Der Verlauf der Zeit im Raum der Farben- das ist:
malen.
Frank
Theelen
zur Ausstellung Kloster Kamp/ Stadt Kamp Lintfort 2002
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